Tiefer Glaube und reine Musik

Nürnberger Staatsphilharmonie

ALTDORF – Nach dem Nürnberger Opernhaus war am Samstag die voll besetzte Altdorfer Laurentiuskirche Schauplatz der Aufführung von Bachs „Johannespassion“ der Nürnberger Staatsphilharmoniker unter der Leitung von Marcus Bosch. Bischof Stefan Ark Nitsche sprach zwischen den beiden Teilen „Worte zur Passion“. Eine ausführliche Konzertkritik finden Sie im Mantelteil dieser Ausgabe.
Besser hätte man den Ort kaum wählen können, stammt der größte Teil der Altdorfer Kirche doch aus dem Barock, nahezu zeitgleich zu Bachs Lebenslauf (1685–1750).
Johann Sebastian Bach schrieb die „Johannespassion“ für den Karfreitagsgottesdienst 1724, den wichtigsten evangelischen Feiertag im Jahr. Sie sorgte damals für viel Gesprächsstoff bei seinen Zeitgenossen. Wohl ein Grund dafür, dass er sie viermal überarbeitet hat, vielleicht sogar musste. Denn ihr „positives“ Ende passte zu Bachs Zeiten wohl vielen Geistlichen nicht in die generell düstere Stimmung des Todestages Jesu.
Der große Komponist hatte sich selber als „Prediger in Tönen“ bezeichnet und gab mit der Zweiteilung der zentralen Predigt Raum, die den tiefen Bezug seiner Musik auf die Texte vermittelte, die in weiten Teilen dem Johannesevangelium folgen, in anderen aber wohl von früheren Textdichtern stammen.
Im ersten Teil der Passionsgeschichte berichtete der Evangelist Johannes vom Verrat des Judas, der Gefangennahme Jesu und der Verleugnung durch Petrus, im zweiten dann von den Verhören, der Verurteilung Jesu durch Pontius Pilatus, von Kreuzigung und Tod und schließlich vom Begräbnis. Die zwölf Choräle reflektieren das Geschehen und weisen auf die besondere Bedeutung hin, die für die Christen davon ausgehen.
Ganz in der Barock-Tradition sprach zwischen den beiden Teilen Regionalbischof Stefan Ark Nitsche „Worte zur Passion“ , die deutlich machten, wie sehr Bachs Musik und ihre liturgische Bedeutung miteinander verwoben sind.

Hingabe und Liebe

„Das Besondere an der Johannespassion ist ihre Figurenkonstellation: Es ist vor allem der Evangelist, der leidet, während er die Passionsgeschichte erzählt. Christus bleibt, gerade im Vergleich zur Matthäuspassion, sehr souverän“, so der Regionalbischof.
„Was war das für eine Woche“, begann er seine Ansprache. Und damit meinte er sowohl die Tage für Jesus bis zum Ostersamstag, als auch die jetzigen in Belgien. Sie zeigte, wie dünn und brüchig die Schicht ist, die uns trägt: „Der einzige, der in Ruhe und Souveränität noch steht, ist Jesus Christus. Er macht sich dann, wenn es darauf ankommt, nicht aus dem Staub, er weicht nicht ab von seinem Weg – im Johannes-Evangelium nicht und auch nicht bei Bach.“ Nitsche zog Parallelen vom Chor in der Komposition, der aufgebrachten Menge, zum jetzigen „Volk“ in seiner ganzen Ambivalenz.
Wichtig war dem Bischof, dass es im Evangelium und Bachs Musik eben nicht um einen religiösen Streit geht, sondern um einen Kampf um Leben und Tod, um eine grundsätzliche Auseinandersetzung zwischen zwei völlig verschiedenen Prinzipien: Auf der einen Seite die in Pilatus personifizierte Macht eines Imperiums, das um seine Vormachtstellung kämpft, sich aber letzten Endes doch nicht durchsetzen kann. Auf der anderen die Botschaft des Evangeliums: Barmherzigkeit, Treue und Liebe. Jesus, so Nitsche weiter, bringe kein Selbstopfer eines in die Irre Geleiteten, sein Weg ist die konsequente Hingabe und Liebe zu Gott. Und am Ende der „Johannespassion“ erscheine aus einer tiefen Trauer ein neues Morgen, eine Vision der Hoffnung und Geborgenheit.

Zeitlos gültig

Auch für Marcus Bosch ist „Bach ist mehr als Musik, es ist ein bewegendes Glaubensbekenntnis, ein zentrales Werk der christlichen, genauer gesagt, protestantischen Kultur.“ Die Chöre der aufgebrachten Menge, die Jesu Verurteilung fordern, sind für ihn ein Beweis für die Zeitlosigkeit des Werkes: „Bach hat da puren Fanatismus und Hass komponiert, wie man ihn leider heute wieder auf den Straßen hören kann.“
Der junge ungarische Tenor Dávid Szigetvári sang den umfangreichen Evangelistenbericht und die Tenor-Arien, Sophie Klußmann die Sopranpartie, Sebastian Geyer die Christus-Worte und die Bass-Arien und aus dem Opern-ensemble war die Mezzosopranistin Ida Aldrian dabei. Daniel Dropulja (Bass) hatte die Rolle des Pilatus übernommen und das Vokalwerk Nürnberg, 2014 als Kammerchor aus hochqualifizierten Spezialisten gegründet, den Chorpart.
Ihre intensive, gefühlvolle Umsetzung und die ergreifende Nähe ihrer Darbietung vermittelten sehr überzeugend die Dimensionen und die Unausweichlichkeit des Geschehens.

Langes Schweigen folgte auf den letzen Ton – und dann großer, dankbarer Applaus.

© Der Bote

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